Niemand ist gegen Wildtiere, aber wir brauchen Lebensraum angepasste Schalenwildbestände!

DI Karl Studer kommentiert in der aktuellen Ausgabe der „Kleinen Waldzeitung“ des Vorarlberger Waldvereins als langjähriger Bezirksforsttechniker von Bludenz aus heutiger Sicht eines einfachen Waldbesitzers die Wald-Wild-Jagd Situation.

Laut den jüngst bekannt gewordenen Sonderrichtlinien des Bundes zur Umsetzung und Durchführung der Förderung gemäß Waldfondsgesetz, sollen unter anderem zum Schutz gegen Schalenwildschäden Steuergelder für die Errichtung von Wildschutzzäunen und Einzelschutzmaßnahmen verwendet werden. Neben durchaus wegweisenden Förderansätzen, werden mit dieser Maßnahme wieder einmal Schäden durch Schalenwild, das infolge künstlicher Aufhege den Lebensraum überstrapaziert, auf die Allgemeinheit und die Waldeigentümer abgewälzt. Die Maßnahme selbst ist nur sehr eingeschränkt effektiv, da technische Schutzmaßnahmen in neuralgischen Schutzwaldlagen infolge Schnee-, Steinschlag-, Sturmbrucheinwirkung in der Regel nicht realisierbar sind oder nur mit absolut unverhältnismäßig hohen Kosten nur lokalen und sehr kleinflächigen Erfolg erwarten lassen. Ähnlich verhält es sich auch bei Schutzwaldsanierungsprojekten: Ein Großteil der sehr aufwändigen Sanierungsmaßnahmen zum Schutz von Siedlungen und Verkehrswege wird auf Grund jahrelanger Schalenwildmisswirtschaft und der damit induzierten Walddegradierung notwendig und die finanziellen Mittel dafür werden undifferenziert vom Steuerzahler berappt. Diesbezüglich erscheint mir eine grundsätzliche Umorientierung unumgänglich, da durch die im weit überwiegenden Maße von Schalenwild induzierte Störung der natürlichen Waldverjüngung, insbesondere ein Verbiss der ökologisch wichtigen Baumarten, eine der wenigen bestehenden Möglichkeiten verspielt wird, dem Klimawandel entgegen zu wirken bzw. dessen Folgen für den Wald und unseren Lebensraum erträglicher zu gestalten. Niemand ist gegen Wildtiere, aber wir brauchen Lebensraum angepasste Schalenwildbestände! Die Jahrzehnte lange Beobachtung und Erfahrung lassen befürchten, dass nicht „Ablenkungsmaßnahmen“ wie z.B. Zaun zum Schutz der Waldverjüngung gegen Wildeinwirkung, auf Kosten der Steuerzahler der Problemlösung dienlich sind, sondern primär jagdliches Können und guter Wille der Jagdausübenden sowie hohes Verantwortungsbewusstsein der Grundeigentümer/ innen Erfolg erwarten lassen. Jagd als Hobby erscheint in Zeiten des Klimawandels und weniger verfügbarer öffentlicher Mittel nicht mehr zeitgemäß.


Nachfolgende Fakten können wir nicht ignorieren:

  • Der Bezirk Bludenz weist weltweit eine der höchsten Seilbahn- und Schiliftdichten auf und wird touristisch sehr stark frequentiert. Wildökologisch wichtige Ruheund Rückzugsräume sind großflächig irreversibel verloren gegangen.
  • Im Österreich-Vergleich hebt die überdurchschnittliche Verbauungsaktivität der Wildbach- und Lawinenverbauung den besonderen Schutz- und Objektschutzwaldcharakter des hiesigen Waldes hervor, der – selbstredend – keine oder nur sehr geringe Wildschadenstoleranz und damit Schalenwildtauglichkeit aufweist.
  • Bei Analyse der Abschussentwicklung unserer heimischen Schalenwildarten (Rot -, Reh- und Gamswild) ergibt sich, dass die jährlichen Strecken als Indikator für den Gesamtbestand (Frühjahrsbestand ist etwa Abschusstrecke mal drei) bis in die jüngste Vergangenheit zunehmen und damit der sich verschlechternden Biotopqualität massivst zuwiderlaufen.

Eklatantes Missverhältnis von Schalenwild zu dessen Lebensraum
Erhellend ist die Tabelle unten, die die Jagdstrecken der vergangenen Jahrzehnten zeigen stark steigende Wildbestände. Der Frühjahrsbestand entspricht etwa der Jagdstrecke mal drei. Jahresstrecken widergibt (ohne Fallwild). Steigende oder anhaltend hohe Strecken sind Indiz dafür, dass schon seit Jahrzehnten postulierte Bestandesreduktionen nichtgreifen bzw. die Bestände sogar zunehmen.Wenn dann parallel dazu – wie ausgeführt – die Biotopqualität massiv abnimmt (touris tische Erschließung, Freizeitaktivitäten, „Berg als Sportgerät“, etc.), werden zwangsläufig den jagdlichen Ertrag um ein Vielfaches übersteigende und zudem jagdgesetzwidrige Wildschäden am Wald, aber auch Tierleid wie Stress, Krankheiten, Parasitierung und unterdurchschnittliches Wildbretgewicht bewusst in Kauf genommen. Darunter sind auch die im Bezirk Bludenz nunmehr seit mehreren Jahren gegebene TBC–Problematik bei Rotwild, aber auch Gamsblindheit oder Gamsräude zu subsummieren. Also Folgen einer Überpopulation und – hinsichtlich Rotwild – einer wildtierwidrigen Tierhaltung an Großfütterungen, die i.ü. auch jedem forstlichen aber auch jedem Tierschutz-Aspekt zuwiderlaufen.

Jagdstrecken der vergangenen Jahrzehnten zeigen stark steigende Wildbestände. Der Frühjahrsbestand entspricht etwa der Jagdstrecke mal drei.


Weiter Lamentieren wenig lösungsorientiert
Angesichts dieser Fakten, die das eklatante Missverhältnis von Schalenwild zu dessen Lebensraum unter anderem im Bezirk Bludenz offensichtlich machen – eine Situation, die seit den 60er Jahren manifest ist und sich täglich weiter verschlechtert – mutet das Lamentieren über geforderte Schalenwildreduktion, effektive und zeitgemäße Jagdpraktiken wie Gatterjagd, Unterlassen von trophäenorientierter Hege, wiedersinnige und kontraproduktive Fütterung von Reh- und Rotwild, etc. als realitätsfremd und keineswegs lösungsorientiert an. Es ist schwer verständlich, dass über Jahrzehnte bis heute, trotz der sich massiv verschlechternder Biotopqualität, konstruktive Lösungen in nur sehr marginalen Bereichen möglich waren und sind. Nämlich dort, wo Grundeigentümer/innen sich ihrer Verantwortung für Wild und Lebensraum bewusst sind und dementsprechend im Rahmen einer Selbstverwaltung jagen oder das Jagdrecht an Jagdausübungsberechtigte vergeben, die trotz immer wieder vorkommender Anfeindung und Diffamierung aus Jagdkreisen, in deren Sinne agieren.
Anpassung der Schalenwildbestände bringt keine Bestandesgefährdung
Die Forderung nach Lebensraum angepassten Schalenwildbeständen geht, objektiv betrachtet, dabei nicht zu Lasten eines qualitativ hochwertigen Schalenwildbestandes, sehr massiv aber zu Lasten dessen Quantität, wobei eine differenzierte Vorgangsweise bei Rot-, Reh- und Gamswild notwendig ist und der auf Sachverstand basierende Tierschutz nicht auf der Strecke bleibt. Bei der in Vorarlberg noch vorhandenen Naturraumausstattung ist nicht davon auszugehen, dass eine der heimischen Schalenwildarten eine Bestandsgefährdung oder Störung der Populationsdynamik erfährt. Nach den notwendigen massiven Reduktionen, orientiert an der nur noch eingeschränkten Schalenwildtauglichkeit unserer Landschaft in Vorarlberg, gehe ich davon aus, dass infolge nachlassendem Jagdstress und Wegfall von innerartlichem Stress wieder vertrautes, gesundes und auch tagaktives Wild, das diesem Begriff auch gerecht wird, unsere herrliche Gebirgslandschaft bereichern wird, ohne dass waldgefährdende Wildschäden in Kauf genommen werden müssten. Die Jagd wird vermehrt als Lebensraummanagement – neben Schalenwild auch für Beutegreifer, Raufußhühner, Tag- und Nachtgreife… – durch versierte Berufsjäger/innen zu verstehen sein müssen, und dem Charakter eines, auf das Erbeuten möglichst vieler und kapitaler Trophäen reduzierten Hobbys nicht mehr gerecht werden können. Aus der Sicht eines langjährigen Beobachters der forstlichen und jagdlichen Szene in Vorarlberg habe ich zur Kenntnis zu nehmen, dass Jahre und Jahrzehnte des Missachtens elementarer natürlicher Zusammenhänge ins Land gezogen sind. Vor allem von Forstleuten aufgezeigte Entwicklungen und Analysen – unter anderem Hofrat DI Hubert Grabherr 1968, die Waldvereins- Kontrollzaununtersuchung in den 70er Jahren, die systematische Waldverjüngung im Schutz von Zaun bei der Agrargemeinschaft Bürs über mehr als 4 Jahrzehnten, sowie geforderte und jagdrechtlich notwendige Maßnahmen zur Anpassung der überbordenden Schalenwildbestände an die vorhandene Lebensraumkapazität –wurden immer wieder mit der Einrichtung verschiedenster Arbeitsgruppen, Vergabe von Studien und Untersuchungen relativiert, konterkariert und mündeten jedenfalls nicht in biotopangepassten Schalenwildbeständen.
Hypothek für uns und kommende Generationen
Angesichts der langen Verjüngungszeiträume in Bergwaldsystemen von 30 bis 50 Jahre bis zur Erreichung von schutzwirksamen Bestandsphasen, die nur in der standörtlichen Baumartenzusammensetzung am ehesten eine gute Klimafitness aufweisen, stellt der bisherige Status des nicht lebensraumangepassten Schalenwildbestandes eine große Hypothek für uns als Waldbesitzer und Gesellschaft und grundsätzlich für unsere kommenden Generationen dar. Mit Aufzeigen der ungebremsten Schalenwildzunahme bei gleichzeitig abnehmender Biotopqualität und der damit einhergehenden unvertretbaren Zunahme der Schalenwildschäden, insbesondere im Schutz- und Objektschutzwald, und den daraus abgeleiteten Hinderungsgründen für Verbauungsmaßnahmen, vermochte Hofrat Schilcher von der Wildbach- und Lawinenverbauung zu Beginn der 80er Jahre kurzfristig Sensibilität in Wildschadensfragen zu erwecken. Das Aufflackern der TBC bei Rotwild im Bezirk Bludenz ab 2010 war ein weiteres unverfängliches Indiz, dass die Rotwildbestände weit aus dem Ruder gelaufen sind. Mit dem Klimawandel, den wir als Gesellschaft lokal nur marginal zu beeinflussen vermögen, werden wir mit einem Phänomen konfrontiert, das in Sachen Wald/Wild eine rasche Zäsur erforderlich macht. Wir können nicht offenen Auges eine ungebremste Waldgefährdung durch Verbiss der ökologisch wichtigen Baumarten, und damit eine Verhinderung stabiler artenreicher Schutzwaldbestände, zur Kenntnis nehmen. Ein rascher Zusammenbruch infolge Borkenkäferkalamitäten, Sturmschäden und Dürre etc , sowie damit einhergehend auch eine Lebensraumzerstörung, können die Folge sein. Ich verschweige nicht: Meine Skepsis ist groß.
Ein desillusionierter Waldbesitzer
Karl Studer, St. Gerold

Bild oben: Das geht sicher nicht: Immer mehr Schalenwild bei gleichzeitig in Quantität und Qualität kleiner werdenden Lebensräumen.

Link zur Online Ausgabe der „Kleinen Waldzeitung 1 2021“

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