Gesundes Rehwild ohne Fütterung

In Vorarlberg wird Rehwild noch immer in vielen Gebieten gefüttert. Dabei gibt es in einigen Gebieten bereits sehr gute Erfahrungen in der Umstellung ohne Rehwildfütterung. In einem Beispielgebiet in Hittisau wurden Mitte April 2021 bei einem Waldbegehung Informationen und Argumente ausgetauscht.

Der Obmann der Jagdgenossenschaft Hittisau I Georg Nenning und der Waldaufseher Klemens Nenning berichteten von ihren Erfahrungen mit der Auflassung der Rehwildfütterungen. Anhand von diesen gemachten Erfahrungen gehen wir in diesem Beitrag auf einige Argumente für die Umstellung der Rehwildbewirtschaftung ohne Fütterungen ein:
Wildökologische Beurteilung: Gleich vorweg muss klargestellt werden, dass es keine wildökologische Notwendigkeit gibt, Rehwild zu füttern. Dies wird auch mehr oder weniger von den meisten Jägern bestätigt. Rehwild ist ein Kulturfolger. Rehwild hat damit in unserer Kulturlandschaft ein reichhaltiges und hochwertiges Nahrungsangebot. An den Nahrungsengpass im Winter hat sich das Rehwild über Jahrtausende angepasst. Die Fütterung stellt damit absolut keine Überlebensfrage bei Rehwild dar. Fallwild mit schwachen oder kranken Tieren trägt in der Natur zur Gesundhaltung einer Population bei.
Vermeidung von Schäden am Wald: Nach dem Vorarlberger Jagdgesetz können Fütterung zur Vermeidung Schäden am Wald errichtet werden. Dieses Argument wird in der öffentlichen Diskussion oft vorgebracht. Einerseits zeigt sich in vielen Gebieten, in den trotz Fütterung hohe Wildschäden auftreten das Gegenteil und anderseits gibt es, wenn die Fütterung eingestellt wird, zumindest keine höheren Wildschäden. In Hittisau hat man diesbezüglich sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Mischwaldverjüngung zeigt sich heute in einem ausgesprochen guten Zustand. Allerdings braucht es eine gewisse Schadentoleranz, die zeitlich und kleinräumig etwas höher ausfallen kann. Die gute flächige Verjüngungsmöglichkeit in Hittisau verträgt den vorhandenen auch in der Intensität wechselnden Wildverbiss ohne Probleme. Gleichzeitig mit der Umstellung vor 9 Jahren wurde allerdings auch der Abschuss erhöht, der sich nach einer kurzen Phase wieder auf dem Niveau, wie mit der Fütterung eingependelt hat. Die Empfehlung aus Hittisau ist daher in der Umstellungsphase den Abschuss nach Möglichkeit zu erhöhen. Das Argument, dass gefüttert werden muss, weil der Wechsel zwischen Sommer und Wintereinstandsgebiet nicht mehr möglich ist, trifft bei Rehwild auf jeden Fall nicht zu.
Trophäen und Aufhege: Auch wenn es meist offen nicht zugegeben wird, gibt es bei manchen Jägern nach wie vor das Ziel, mit der Fütterung stärkere Trophäen zu erhalten. Die am Markt angebotenen Futtermittel weisen in ihren Namen oder Gebrauchsanweisung auf jeden Fall genau darauf hin. Von der offiziellen Jägerschaft wird diese Ausrichtung einer Fütterung rein auf die Trophäe heute klar abgelehnt. Solche Futtermittelmischungen sind wildbiologisch überhaupt nicht auf den normalen Nahrungsenpass ausgerichtet, haben ein viel zu geringen Raufutteranteil und sind gesetzlich auch verboten.
Kosten und Aufwand: Auch bei der Rehwildfütterung fallen beträchtliche Kosten für die Futtermittel und Aufwand für die Beschickung der Fütterungen an. Auf den diesen nicht notwendigen Aufwand wird in Hittisau bewusst verzichtet. Die Jagd soll sich nicht unnötig verteuern und für jeden normalen Bürger leistbar sein. In Hittisau kommen bevorzugt einheimische Jäger zum Zug, die natürlich die Ziele der Jagdgenossenschaft mittragen. Um an den Lebensraum angepasste Wildbestände zu erreichen, muss bei einer Fütterung durch die geringeren Fallwildzahlen und den höheren Zuwachs ein höherer Abschuss durchgeführt werden. Der Jagdaufwand für diesen höheren Abschuss kann ein beträchtliches Ausmaß annehmen.
Wildtier bleibt ein Wildtier: Ein wesentliches Argument für die Nichtfütterung von Rehwild ist, dass hier ein Wildtier während des ganzen Jahres als Wildtier behandelt werden kann und der menschliche Eingriff nicht notwendig ist. Dies muss gerade im Interesse der Jäger sein, Wildtiere auch Wildtiere sein lassen. Auch das Wildbret kann dann als reines Naturprodukt ehrlich und exklusiv vermarktet werden.
Tierwohl und Notzeit: Tierwohl und Notzeit wird oft als Begründung für eine Fütterung vorgebracht. Dieses Argument lässt sich schon damit relativieren, wieso dann nur Schalenwild und nicht alle anderen Wildarten auch gefüttert werden. Es gibt eben bei den meisten Wildarten keine wildökologische Notwendigkeit für eine Fütterung. Mit der „Vermenschlichung“ der Begriffe Notzeit oder Tierwohl sollte der Jäger vorsichtig sein. Der Jäger sitz schlussendlich ja nicht draußen, um das Wild vor dem Tod zu schützen. Eine fachgerecht nicht richtig durchgeführte Fütterung, wie das oft geschieht, bewirkt sogar das Gegenteil. Gesundheit und Tierwohl können nach wissenschaftlichen Untersuchungen durch die Winterfütterung sogar leiden.

Information, Erfahrungsaustausch und das Anschauen von Positivbeispiele sind bei dem sehr emotionalen Thema sehr wichtig. Wenn gar nichts geht, muss schlussendlich der Grundbesitzer als Inhaber des Jagdrechtes im Rahmen der Jagdgenossenschaft gewillte Jäger einladen, mitzumachen.

Empfehlungen bei einer Umstellung

  • Bei der Umstellung ist eine intensive Bejagung als Begleitmaßnahme sehr empfehlenswert; allerdings wenn man warten will, bis man reduziert hat, kann man nie aufhören zu füttern.
  • bei der Umstellung ist keine Zunahme von Wildschäden zu befürchten, aber mit einer örtlichen Verlagerung muss gerechnet werden. Mittelfristig werden die Lebensräume sehr entlastet, was dem Wald und dem Wild zu Gute kommt.
  • die Umstellung stellt oft ein rein emotionales Thema dar, dass mit Information, Erfahrungsaustausch und Postivbeispielen bearbeitet und aufgeklärt werden muss.

Zusammenfassung Vorteile der Rehwildbewirtschaftung ohne Fütterung

  • Gesundes Wild: natürlicher Ausfall von Parasiten befallenen Tieren, natürliche Verteilung, weniger Konkurrenzkämpfe, keine Ansteckungen an Fütterungen, ähnliches teilweise sogar höheres Wildbrettgewicht.
  • weniger Aufwand, weniger Kosten (Futtermittel, Futtereinrichtungen, Einlagerung und Beschickung,…); durch geringere Vermehrung auch geringerer Abschussaufwand;
  • Jagd wird für alle Interessierten leistbar ohne großen Rückgang der Jagdpachteinnahmen für den Grundeigentümer (wenn überhaupt, teilweise sogar höhere möglich, funktionierende Waldverjüngung wichtiger).
  • Wildbret: Gesundes Fleisch ohne Kraftfutter, sehr wichtig für eine ehrliche und exklusive Vermarktung
  • Wildtier bleibt Wildtier
  • Weniger Ärger für alle Beteiligten: Man kommt man aus dem „Teufelskreis“ von hohen Wildbeständen und hohem Jagddruck zu waldverträglichen Wildbeständen leichter heraus.
In Hittisau macht man mit der Umstellung der Rehwildbewirtschaftung ohne Fütterung sehr gute Erfahrungen.
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